Der Erfolg von „Heimat – eine deutsche Chronik“ veranlasste Reitz noch zwei weitere epochale „Heimat“-Filmreihen zu drehen, die nun zusammen mit „Heimat 1“ und mit dem dreistündigen Spielfilm „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“, dem momentanen Schlusspunkt der Reitzschen History-Reihe, als „Heimat Gesamtedition“ auf DVD erscheint.
1919 kommt Paul Simon aus dem ersten Weltkrieg zurück in sein Heimatdorf Schabbach im Hunsrück. Der Sohn des Dorfschmieds verliebt sich in Maria, der Tochter einer befreundeten Familie. Doch die Enge der Dorfwelt treibt Paul Ende der 1920er Jahre hinaus in die weite Welt bis nach Amerika. Dort macht er Karriere als Fabrikant. Doch dies wird die von ihm verlassene Maria erst viele Jahre später erfahren - 1945, wenn Paul mit den US-Soldaten, die Nazideutschland besetzen, nach Schabbach zurückkehrt. Die Wiederbegegnung zwischen den beiden bleibt frostig; Maria hatte zwischenzeitlich in dem Landvermesser und Minenentschärfer Otto Wohlleben seine große Liebe gefunden. Doch Wohlleben kommt im 2. Weltkrieg um. So bleibt Maria, die Zentralfigur von „Heimat – eine deutsche Chronik“ im ersten großen Geschichtsepos von Edgar Reitz mit ihren Söhnen Anton und Ernst sowie mit Hermann, dem Nachkömmling aus ihrer Beziehung mit Otto Wohlleben, allein. Sie stirbt 1984 und Reitz entwirft so um Maria in einer mehr als 12-stündigen Filmserie fast ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte aus einer „Perspektive von unten“, aus der Sicht einfacher Menschen und deren Geschichten.
Die „Kommerzästhetik“ des US-Dokudramas „Holocaust“, das - 1979 im westdeutschen Fernsehen ausgestrahlt - erstmals eine breite Debatte über die Verbrechen der Deutschen an den Juden in der Zeit des Nationalsozialismus auslöste, hatte Reitz dazu bewogen, einen filmischen Gegenentwurf zu entwickeln. „Den Randwahrnehmungen zu folgen und immer von der Hauptsache auf die Nebensache zu springen, das könnte ein dramaturgisches Konzept werden, um von den Theorien, von der gesellschaftskritischen Rechthaberei wegzukommen“, schrieb er 1980 in sein „Produktionstagebuch“ während der Herstellung von „Heimat“. Nicht um die emotionsgeladene Nacherzählung historischer Fakten wie in „Holocaust“ und anderen historischen Produktionen ging es Edgar Reitz in „Heimat“. Egal, ob die Handlung 1920 oder 1982 spielt, an den zentralen Schauplätzen des Geschehens, in der Wohnküche Simon, in der Schmiede oder auf dem Dorfplatz sind die Darstellungsobjekte und Requisiten ebenso perfekt und mit einer fast museal anmutenden Präzision nachgestellt wie die Kostüme und Kleidungsstücke der Darsteller, die in ihrem Spiel durch Körperhaltung, Mimik und Gestik keinen Ausdruck des modernen Menschen erkennen lassen. Das spontane Spiel der zahlreichen Laiendarsteller und die Dialektfärbung der Sprechweisen aller Schauspieler verstärken diesen Eindruck. Reitz erzeugt in „Heimat“ dadurch einen Sog des Erzählens, dem man sich, lässt man sich auf das Geschichtsepos ein – kaum entziehen kann.
Jetzt liegt die Filmreihe, die dann auch – besonders im europäischen Ausland, in Frankreich und in Italien – ins Kino kam und ein sensationeller Erfolg wurde, in einer von Reitz neu geschnittenen, digital restaurierten Fassung auf DVD und BluRay vor. So kann man in der Brillanz der Bilder die Präzision der Errettung der verlorenen Zeit in Reitz‘ Geschichtsserie nochmals neu entdecken.